Claus Hartmann hat hohen Besuch: In seiner Werkstatt steht eine Dame aus Holz, arg ramponiert, aber aufrecht, 150 Kilo schwer und 1,70 Meter hoch. Vor fast 20 Jahren war „Lissi“, so heißt die Dame, seine erste Auftragsarbeit. Seither kehrt sie alle fünf Jahre nach langen Segeltörns auf Nord- und Ostsee sowie im Mittelmeer zurück zur Runderneuerung zu Claus auf die Weserinsel Harriersand. So geht das mit vielen Galionsfiguren, die Claus gebaut hat. Sonne, Frost, Wind und Salzwasser setzen ihnen zu.

Den Riss, der sich von „Lissis“ Kopf bis in ihren Körper zieht, hat Claus bereits gekittet. Dazu hat er einen Kunststoff mit einer Spritze sorgfältig einfließen lassen, an einer Art Sollbruchstelle. Claus hat die Galionsfigur seinerzeit nicht aus einem Stamm geschnitzt, sondern aus vier miteinander verleimten Stücken Lärchenholz. „Das Holz enthält viel Harz und eignet sich daher gut für die Seefahrt. Wenn es reißt, dann an den Verleimungen, und die lassen sich gut kitten“, erklärt er. Am rot-blau-weißen Kleid der Figur ist die Farbe teilweise abgeblättert, im Bauch hat sie ein Loch. „Hier wird sie mit einem Stahlbolzen wieder am Bug befestigt“, fügt Claus hinzu. Dann legt er sie vorsichtig gekippt auf einen Holzbock zurück.

Der Riss an Galionsfigur „Lissi“ ist bereits gekittet, die Farbe muss noch aufgefrischt und das Gesicht restauriert werden.
Der Riss in der Galionsfigur „Lissi“ ist gekittet, nur noch Farbe auffrischen und Gesicht restaurieren.

Am Tag zuvor ist Claus in seiner wasserdichten Wathose über den kleinen Strand vor seinem Haus gestapft. Er hat sein Ruderboot am Schilf vorbei in die Weser geschoben und die „Großherzogin Elisabeth“, wie „Lissi“ mit vollem Namen heißt, geholt. Dazu hat er die Galionsfigur vom Beiboot des gleichnamigen Segelschiffs in sein schwankendes Ruderboot gehievt und an Land gebracht. Die „Großherzogin Elisabeth“ liegt nun gut zehn Kilometer stromaufwärts im Hafen von Elsfleth und wartet darauf, dass Claus die Galionsfigur wieder flottmacht.

Claus greift zu einem alten Bohrerkopf aus einer Zahnarztpraxis, um die Konturen der Ohren wieder deutlicher hervorzuheben. Feiner Holzstaub rieselt zu Boden, dann zeichnet er mit einem Skalpell die Augenlider wieder tiefer nach, die von der Witterung verschliffen sind. „Lissis“ Gesicht ist ganz blass. Claus hat die alten Farbreste zuvor schon mit der Flex abgetragen. Einzig ihre rechte Pupille leuchtet noch zartblau. In wenigen Tagen wird „Lissi“ mit zwei, drei deckenden Farbschichten wie neu aussehen, auch die Leimfuge wird nicht mehr zu sehen sein. Und der Saum an Ärmeln und Rock wird wieder edel schimmern. Claus verwendet dafür eine Farbe aus Thailand mit 21,5 Karat Gold. Die stockige Masse rührt er mit einem alten Schraubenzieher flüssig. „Das ist mein Gerät für alles“, sagt er.

Claus hat sich viele Fähigkeiten angeeignet und sein Handwerkszeug selbst zusammengestellt. Heute gilt er als der Einzige weltweit, der den Beruf des Galionsfigurenmachers oder Schiffsbildhauers noch ausübt. Nicht nur mit Geräten aus einer Arztpraxis, sondern auch mit der Präzision eines Mediziners, der er auch ist. Sein Medizinstudium hat er über die Jahre neben einer Heilpraktikerausbildung abgeschlossen: „Ich wollte immer viel können, vom Brotbacken bis zur Blinddarm-OP“, sagt Claus.

Feinarbeit: Claus arbeitet mit einem Bohrer Konturen heraus.
Feinarbeit: Claus arbeitet mit einem Bohrer Konturen heraus.

Familiensache

Claus kommt aus einer Kapitänsfamilie aus Elsfleth. Sein Urgroßvater sammelte schon Galionsfiguren. Auf einem Schwarz-Weiß-Foto im Haus ist er mit wettergegerbtem Gesicht zu sehen. Claus’ Vater restaurierte die Figuren und kaufte das Bauernhaus auf Harriersand, das der Sohn heute mit seiner Familie bewohnt. Den Deichkranz, in dessen Mitte sich das Haus duckt, hat Claus selbst aufgeschüttet: Die Insel zwischen Bremen und Bremerhaven ist Sturmflutgebiet. Bei strammem Nordwestwind wird das Nordseewasser in die Weser gedrückt und überspült Europas längste Flussinsel. Vom niedersächsischen Ort Schwanewede aus führt die „Inselstraße“ an einer schmalen Stelle über den rechten Wesernebenarm – die einzige auf Harriersand. Kein Schild weist darauf hin, dass in einem der ersten Häuser zur Linken die letzten Galionsfiguren der Welt entstehen.

In der Ära der Großsegler legten Reeder noch Wert darauf, der Seele ihres Segel- oder Frachtschiffs ein Gesicht und einen Körper zu geben. In der Regel waren das Frauen, die den Horizont im Blick behielten, um Mannschaft und Ladung vor Meeresungeheuern und weltlichen Gefahren wie Stürmen oder Piraten zu schützen. Darauf zu verzichten bringe Unglück, glaubte man. In Zeiten von Containerriesen und Flugzeugen bilden Galionsfiguren eine aussterbende Spezies, in der sich aber auch eine besondere Liebe zur Seefahrt ausdrückt. Claus lässt sie buchstäblich Gestalt annehmen.

In der Schulzeit kam Claus auf die Idee, Fliesen mit maritimen Szenen zu bemalen, mit Delfter Blau. Das brachte ihm ein ordentliches Taschengeld ein. Ein paar Wochen fuhr er selbst zur See, dann entschied sich Claus für das Medizinstudium. Schon da hatte er aber in seiner Freizeit kleinere Galionsfiguren geschnitzt, wagte sich schließlich an größere Formate. Dann kam ihm der Gedanke: „Warum nicht richtige Galionsfiguren schnitzen, um mir das Studium zu finanzieren?“

Frühe Malereien: Fliesen mit maritimen Szenen in Delfter Blau zieren das Zimmer im Erdgeschoss des Bauernhauses.
Frühe Malereien: Fliesen mit maritimen Szenen in Delfter Blau zieren das Zimmer im Erdgeschoss des Hauses.

Die Familie hatte Kontakte, er stellte sich vor, und mit etwas Glück bekam er den Auftrag für die „Großherzogin Elisabeth“ in den Oldenburger Farben. Noch bevor die „Lissi“ fertig wurde, kam 1995 schon der zweite Job – geradezu ein Glücksfall für den jungen Selbstständigen: die Galionsfigur für die „Lilli Marleen“, ein Luxussegelschiff für Kreuzfahrten. Dafür bekam er damals viel Aufmerksamkeit in den Medien. Und damit der Mann, der die weiße Frauenfigur am Bugspriet schuf – damals noch zusammen mit seiner Frau Birgit, einer Grafikdesignerin. Sie arbeitet inzwischen als Osteopathin in Bremen. Gemeinsam haben sie, die sich das Handwerk selbst beibrachten, für mehr als 40 große und kleinere Segelschiffe Galionsfiguren geschaffen, pro Auftrag mehrere Monate Arbeit. Manche tragen das Antlitz der Tochter des Eigners wie bei dem Fünfmaster „Royal Clipper“, dem zweitlängsten Segelschiff der Welt. Zu den ungewöhnlichsten Arbeiten des Paars gehört die Galionsfigur des Dreimastschoners „Fridtjof Nansen“: ein Inuitjäger mit einer Harpune aus Knochen, den Körper formte Claus aus dem Stamm einer Ulme. „Das war ein Baum auf Harriersand, in dem ich als Kind oft herumturnte“, erinnert er sich.

Anfangs nahm das Paar auch Bildhauerstudenten für Praktika auf. „Die waren immer erschüttert, dass die meiste Arbeit mit der Maschine passiert und nicht mit Stemm- oder Stecheisen“, grinst Claus, „es geht einfach schneller.“ Längst ist er auch ein Meister an der Kettensäge, die Figuren holt er direkt am Weserstrand aus ganzen Holzstämmen hervor. Eiche, Birke, Ulme, früher auch Teakholz oder Basralocusholz aus Surinam.

Vor der Werkstatt: Claus ist längst ein Meister an der Kettensäge.
Lässiger Stand, fester Griff: Claus ist längst ein Meister an der Kettensäge.

Zwölf grob behauene Vierkantstämme bekam er von der Vulkanwerft, als die in den Achtzigerjahren pleiteging. „Es war unglaublich hartes Holz, unbearbeitet, aber noch grau und fahl“, erinnert sich Claus. Und er schuf daraus eine markante Frauenskulptur, eine Art Meerjungfrau, die mitten in der Werkstatt steht. „Zwischen Aufträgen mache ich Sachen, die mir gefallen“, erzählt Claus. Um die Hüften der Figur schmiegt sich eine Muschelkette, darunter wabern Quallen, ein großer Hummer erklimmt die Säule – statt Beine –, Tintenfische umfangen den Fuß. In der leicht staubigen Werkstatt mit Farbkleksen auf dem Boden, mit Tischen und einem alten Werbeschild wirkt die Meerjungfrau wie ein Ausstellungsstück: ganz glatt, leicht gemasert, satt schokobraun.

Geht nicht auf große Fahrt: Das nixenhafte Fantasiewesen in Claus’ Werkstatt hat der Künstler in seiner Freizeit geschaffen.
Geht nicht auf große Fahrt: Das nixenhafte Fantasiewesen hat der Künstler in seiner Freizeit geschaffen.

Holz, Edelstahl und Aluminium: Arbeiten für Megajachten

Aufträge bekommt Claus auch von Megajacht-Inhabern, deren Namen er häufig nicht einmal kennt. Für sie fertigt er neben Skulpturen für den Bug häufig auch Arbeiten für die Innenräume an. Und das nicht nur aus Holz, sondern auch aus Edelstahl, Bronze oder Aluminium. „Da stammen dann die Entwürfe von mir“, sagt Claus. Gegossen werden die Figuren woanders. „Edelstahl interessiert mich besonders“, ergänzt er, „damit kann ich experimentieren.“ Auf dem Handy zeigt er eine dreidimensionale Fläche im Bauch einer Jacht: Wer die Treppe hinuntergeht, blickt auf ein viereckiges Becken mit „Wasser“ und den „Rücken“ von drei Nilpferden – alles aus Edelstahl. Ebenfalls aus Edelstahl wird eine Galionsfigur für eine 87 Meter lange Jacht entstehen, über die Claus derzeit nachdenkt. „Das Schiff soll im Polarmeer unterwegs sein können“, sagt Claus. „Vielleicht wird es ein Eisbär?“

Neuestes Projekt: Modell der Galionsfigur des russischen Segelschulschiffs „Mir“. Claus hat einen Mann mit einer Taube in der Hand entworfen.
Neuestes Projekt: Modell der Galionsfigur des russischen Segelschulschiffs „Mir“.

Auf jeden Fall hat er keine klassische Frauengestalt im Blick. Genauso wenig wie für das bekannte russische Segelschulschiff „Mir“, das auch bei der „Kieler Woche“ regelmäßig zu Gast ist. Der Name bedeutet „Frieden“, und vielleicht ist es dieser Tatsache geschuldet, dass es seit seinem Bau 1987 ohne Galionsfigur auskam. Nun aber wurde Claus mit einer Figur beauftragt, sie hängt fast fertig an einer fetten Eisenkette von der Decke im vorderen Bereich seiner Werkstatt. Ein lebensgroßer Mann aus mittelbraunem Holz, auf Hochglanz poliert, muskulös, eine Friedenstaube in der vorgereckten linken Hand. Nur an den Fußsohlen steht noch rohes Holz über, das gerade so den Boden in der Werkstatt berührt.

„Die Zehen sollen ja nicht abbrechen“, sagt Claus. Die Figur hat er mit der Kettensäge aus einem dicken Eichenstamm herausgearbeitet, ehe es an den Feinschliff ging. Der finale Anstrich steht noch nicht fest: goldfarben, gebrochenes Weiß oder doch Natur? Und vor allem: Wie kommt der Kerl an den Bug? „Am Bugspriet der ‚Mir‘ ist es eng“, erklärt Claus. Wie üblich ragt der weit über den Bug hinaus, und viele Taue und Ketten sind dort befestigt. Der Schiffsbildhauer überlegt daher, die Figur von hinten wieder aufzusägen, seitlich neben dem Hals in den Brustkorb, die Galionsfigur so aufzuklappen und vorne auf den Bug zu schieben, sozusagen. Nicht jeder könnte wohl so nüchtern seine eigene Arbeit wieder „beschädigen“. Aber als Schiffsfigurenbauer darf man nicht zimperlich sein. Und auch nicht wehmütig, wozu auch: Eine Galionsfigur muss auf den Bug. Das ist ihre Bestimmung. Und Claus sorgt dafür, dass es so kommt.

„Und hier mache ich dann einen Schnitt“: Claus zeigt, wo er die vollendete Galionsfigur für die „Mir“ wieder aufschneiden würde, um sie regelrecht aufzuklappen und auf den Bug des Schiffes zu schieben.
Schnitt! Claus zeigt, wo er die nun fast fertige Galionsfigur für die „Mir“ aufschneiden würde.

Text: Andrea Freund | Fotos: Bernd Jonkmanns

Kunst mit Tradition

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